Medikamenten­abhängige schwangere Frauen,

Mütter und ihre Kinder

Abschlussbericht

„Schätzungen gehen von 1,4 bis 1,9 Millionen Medikamentenabhängigen in Deutschland aus. Darüber hinaus ist eine hohe Dunkelziffer anzunehmen. Frauen sind nach bisherigen Erkenntnissen doppelt so häufig von einer Medikamentenabhängigkeit betroffen wie Männer. Die Abhängigkeit von Medika­menten gilt als die „typische Frauensucht“ – still, heimlich und unauffällig  (Brunett, 2003).

Schädlicher Gebrauch und die häufig dadurch entstandene Abhängigkeit von Medikamenten, die auf die Psyche wirken (psychotrop), werden in der medizinischen Versorgung bislang unzureichend er­kannt und deshalb häufig nicht adäquat behandelt. Der Suchtbereich mit dem höchsten Anteil an Frauen taucht im Hilfesystem am wenigsten auf. Die größte Gruppe der süchtigen Frauen – die medi­ka­mentenabhängigen Frauen – ist fachlich bislang nicht im Fokus der behandelnden Medi-ziner*innen bzw. der Suchthilfe. Auch die Suchtselbsthilfe erreicht betroffene Frauen kaum (Arbeits­ge­­mein­schaft wissenschaftlicher und medizinischer Fachgesellschaften [AWMF], 2006).

Die „Leitlinie Medikamentenabhängigkeit“ der AWMF stellt fest, dass „Arzneimittelabhängige (…) in Deutschland nur sel­ten in Suchtfachkliniken einer Entwöhnungsbehandlung unterzogen [werden], wenn man ihre große Zahl berücksichtigt“ (AWMF, 2006: 22). Und im Weiteren: „Evidenzbasierte Daten zu Differenzial­indika­tio­nen und Effek­ti­vi­tät von Entwöhnungsbehandlungen bei Abhängigen von Sedativa/Hypno­ti­ka existieren kaum.“ Zu geschlechtsbezogenen Aspekten wird formuliert: „Wünschenswert wären auch frauenspezifische Angebote (…)“ (ebd.).

Über die Prävalenz von Medikamentenabhängigkeit bzw. von missbräuchlichem Konsum in der Schwangerschaft liegen bislang so gut wie keine Erkenntnisse vor; ebenso wenig über die Situation der medikamentenabhängigen Frauen, die mit ihren Kindern zusammenleben.  Auch fehlen ent­spre­chende fachliche Reaktionen der Suchthilfe. Trotz der erdrückenden empirischen Belege für die Belastungen und Entwicklungsrisiken für Kinder suchtkranker Eltern einschließlich des erhöhten Risikos, selbst suchtkrank zu werden, sind die Kinder medikamentenabhängiger Frauen so gut wie gar nicht im Blick der Suchthilfe bzw. -forschung. Geschlechtsbezogene Aussagen fehlen umfänglich. Möglicherweise in der Praxis vorliegende Erkenntnisse zu erfolgversprechenden Angeboten/ Maß­nah­men/Strategien sind nicht veröffentlicht und nicht systematisiert.

Erkenntnisse über die Prävalenz von Medikamentenabhängigkeit bzw. missbräuchlichem Konsum bei schwangeren Frauen und Müttern mit Migrationshintergrund liegen ebenfalls nicht vor, ebenso wenig über die Situation ihrer Kinder.

 

Bereits die Enquetekommission „Zukunft einer frauengerechten Gesundheitsversorgung in NRW“, die von 2001 bis 2004 arbeitete, wählte „Frauen und Arzneimittel“ als eines der relevanten Themen aus dem Feld der Frauengesundheit aus. Neben den sozialen Implikationen der Geschlechtsrolle wurden relevante biologisch bedingte Geschlechtsunterschiede diskutiert. Eine wichtige damalige Forderung war die stärkere Berücksichtigung von Frauen in der pharmakologischen Forschung. Weitere Forderungen richteten sich auf Werbeverbote für Arzneimittel mit Abhängigkeitspotenzial, die Förderung unabhängiger Informationen über Medikamente, Verankerung dieser Problematik in den Curricula der ärztlichen Weiter­bildung, verstärkte mädchen- und frauenspezifische Präventions­angebote seitens der Kran­kenkassen sowie Schulung der Gutachter*innen des Medizinischen Dienstes der Kranken­kassen, damit diese die Problematik bei Frauen erkennen, sodass angemessene Therapien befürwortet und genehmigt werden und nicht zuletzt forderte sie die Apothekerkammern zur Thematisierung in ihrer Fortbildungs-, Informations- und Öffentlichkeitsarbeit auf.

In diesen und den folgenden Jahren gab es eine Reihe von Aktivitäten in Nordrhein-Westfalen, die den beschriebenen Handlungsbedarf aufgriffen. Beispielhaft seien die Folgenden genannt:

  • Die Landesfachstelle Frauen & Sucht NRW, BELLA DONNA, veröffentlichte im Jahr 2003 eine kommentierte Bibliografie „Frauen und psychotrope Medikamente – Konsum, Missbrauch und Abhängigkeit“ herausgegeben, die als Arbeitshilfe einen sorgfältigen Überblick über die Literatur gab.
  • Für einzelne Berufsgruppen wurden Handreichungen entwickelt, die die Identifizierung von Medikamentenabhängigen erleichtern sollen wie z.B. die Handreichung „Basiswissen Sucht“ der Psychotherapeutenkammer NRW (Psychotherapeutenkammer NRW & Landespsycho­thera­peuten­kammer Rheinland-Pfalz, 2017).
  • Auf Bundesebene hat die Bundesärztekammer (2007) in Zusammenarbeit mit der Arznei­mittel­kommission der deutschen Ärzteschaft einen Leitfaden für die ärztliche Praxis heraus­gegeben, der Ärzt*innen für das Risiko der Medikamentenabhängigkeit sensibilisieren, sie informieren und ihnen Hilfestellung für die Unterstützung betroffener Patient*in­nen geben soll. Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen [DHS] hat einen ärztlichen Leitfaden für die Kurzinter­ven­tion bei Patientinnen und Patienten mit problematischem Medikamenten­konsum von Schlaf-, Schmerz- und Beruhigungsmitteln entwickelt (DHS, o.J.).

 

Vor diesem Hintergrund verankerte die Landesregierung Nordrhein-Westfalen aus NRWSPD und Bündnis90/Die Grünen in ihrem Koalitionsvertrag 2012 bis 2019: „Zur Versorgung medikamenten­abhängiger schwangerer Frauen, Mütter und ihrer Kinder werden wir Maßnahmen auf den Weg bringen“ (S. 96). Eine dieser Maßnahme war das Projekt „Medikamentenabhängige schwangere Frauen, Mütter und ihre Kinder“, das von der Landeskoordinierungsstelle Frauen und Sucht NRW, BELLA DONNA, durchgeführt wurde.“*

*aus der Einleitung

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